GIST - Gastrointestinaler Stromatumor

Wenn etwas Böses nur selten vorkommt, ist das im Grunde eine gute Sache.
Als Patient mit einer seltenen Krankheit hofft man allerdings, dass diese
bei  den behandelnden Ärzten trotzdem ausreichend bekannt ist.

 

GIST

 

Unter allen bekannten Krebsarten gehört GIST, der gastrointestinale Stromatumor zu den seltenen Krebserkrankungen. Als eine spezielle Krebsart und als eigenständige Krankheit, die auf herkömmliche Therapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie nicht wirksam anspricht, ist GIST erst seit 1998 bekannt. Viele Patienten waren vor dieser Zeit dem ...

 


...  GIST hilflos ausgeliefert, da alle Versuche, ihn mit herkömmlichen Therapien zu behandeln, fehlschlugen. Mir selbst war weder diese Krankheit bekannt, noch hatte ich je den Namen gehört oder gelesen, als ich selber daran erkrankte. Noch bis ins Jahr 2002 war die einzige Option die Entfernung (Resektion) des Primärtumors, wenn dieser noch nicht gestreut (metastasiert) hatte. Eine vorbeugende Nachbehandlung (adjuvant) mit dem Wirkstoff Imatinib gab es bis dahin nur für Teilnehmer an einer Studie. Bei metastasiertem GIST gab es auch erst ab 2002 die Möglichkeit einer vorbeugenden Nachbehandlung mit Imatinib. Die Erkrankung kann den gesamten Verdauungstrakt betreffen, tritt aber gehäuft am Magen oder Darm auf, selten in der Speiseröhre. Der Erfolg der medikamentösen Behandlung mit dem Wirkstoff Imatinib hängt von der Größe des Tumors, ob dieser gestreut hat oder nicht, von der Art der Mutation (Exon-Bestimmung, gibt an, welche Stelle in der DNA des Menschen betroffen ist) und von der Stelle im Körper ab, wo der Primärtumor sich entwickelt hat.

 

Bei mir hatte sich der Tumor an der Außenwand des Dünndarms gebildet und irgendwann die Darmwand durchbrochen, wodurch es im Jahr 2001 zum ersten Blutverlust über den Stuhl kam. Aber erst bei erneutem größerem Blutverlust Mitte 2002 erkannte man die Ursache. Bei der Operation fand man einen kindskopfgroßen Tumor am Dünndarm. Genau genommen wurde der Tumor bei der Erstentdeckung noch nicht als Krebs erkannt, sondern als ein Leiomyom, einer Vorstufe eines bösartigen Krebses. Der Pathologe schrieb in seinem ersten Bericht von „entarteten Zellen“, die sich aber zu einem bösartigen Tumor entwickeln könnten. Deshalb empfahl er die regelmäßige Kontrolluntersuchung des Bauchraumes. Diese Ultraschalluntersuchungen des Bauchraumes waren ja dann lange Zeit ohne jeglichen Befund.

 

Dann aber, trotz der kurzen Untersuchungsintervalle von nur sechs Monaten, kam der Tumor im Sommer 2005 mit einer Längenausdehnung von mehr als 17 Zentimeter zurück. Da die Chirurgen bei der zweiten großen Operation nicht nur den großen Tumor sahen, sondern auch, dass der Bauchraum einschließlich der Leber viele Metastasen enthielt, war die von ihnen abgegebene Prognose aufgrund dieser Bedingungen (Größe, Lage am Dünndarm, Metastasenbildung) nicht gerade sehr erfreulich. Da die Tumorart noch unidentifiziert war, konnten sie auch kein wirksames Gegenmittel kennen oder nennen. Erst zwei Wochen später konnte der Pathologe GIST mit Mutation im Exon 11 bestätigen. Obwohl er sich bereits 2001 durch Blutverlust über den Stuhl bemerkbar gemacht hatte, stand erst vier Jahre später fest, dass es sich um eine Krebserkrankung handelt – den sehr seltenen GIST. Im Jahr 2001 gab es noch keine offizielle Zulassung eines Medikamentes für diese Erkrankung. Diese erfolgte für Imatinib (Medikamentenname Glivec) auf Grund der guten Studienergebnisse in den USA europaweit erst am 31. Mai 2002.

 

Mit Exon bezeichnet man bestimmte Abschnitte in der DNA. Der Ort der betroffenen Stelle in der DNA entscheidet auch über die weitere Behandlung und das bestgeeignete Medikament und dessen Dosierung. Liegt die Mutation zum Beispiel im Bereich Exon 11, wird die Therapie mit einer Glivecdosis von 400 mg täglich begonnen, wird eine Mutation im Bereich Exon 9 festgestellt, beginnt man meist gleich mit der hohen Dosis von 800 mg Glivec. Bei anderen Mutationen gibt es noch keine gesicherten Therapieerfolge mit der Glivec Behandlung. Von Vorteil ist eine Mutation im Bereich Exon 11, wie bei mir, im Gegensatz zu einer Mutation im Exon 9 der DNA, da man mit der kleineren Dosis von Imatinib, dem Wirkstoff von Glivec, schon Erfolg haben kann.

 

Leider wird der GIST oft erst spät entdeckt, da er im Bauch keine Schmerzen verursacht und dort auch genügend Platz vorhanden ist, so dass er wachsen kann, ohne dass man ihn bemerkt. Der GIST wächst in der Regel nicht in die Organe (Magen, Darm) ein, sondern von der Außenwand des Magens oder Darmes in den freien Bauchraum. So war es ja typischerweise auch bei mir. Bei der ersten Operation war der Tumor bereits kindskopfgroß. Eigentlich unglaublich, dass man so etwas nicht irgendwie bemerkt.

 

In solchen Fällen wird man um eine lebenslange Therapie nicht herumkommen, da bei so später Entdeckung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereits Metastasen in der Leber und im Bauchraum verstreut sind. Lymphknoten hingegen werden nur extrem selten befallen und daher bei einer Operation auch nicht vorsorglich entfernt, wenn es keine eindeutigen Hinweise auf einen Befall gibt. Auch Ausstreuungen in Lunge, Knochen und Gehirn sind sehr selten, können aber vorkommen. Bei einem Patienten in unserer Hamburger GIST-Patientengruppe haben sich leider Metastasen in den Knochen gebildet. Nur sehr selten wird der GIST so rechtzeitig, meist durch Zufall im Rahmen einer anderen Untersuchung, entdeckt, dass man ihn komplett mit gutem Sicherheitsabstand von den Rändern des Tumors (circa zwei bis fünf Zentimeter im gesunden umgebenden Gewebe) herausoperieren kann. Wenn dann keine Metastasen entdeckt werden, erfolgt keine weitere Therapie. Auch so einen Fall haben wir in unserer Patientengruppe. In unsicheren Fällen wird noch eine dreijährige adjuvante (vorbeugende) Therapie mit Imatinib (zur Zeit noch Glivec) verordnet, um eine Rezidivbildung zu vermeiden, die aus mikroskopisch kleinen Krebszellen entstehen kann, die man bei der Operation nicht sehen konnte und wenn der Sicherheitsabstand zum gesunden Gewebe nicht eingehalten werden konnte. Nicht immer kann man ausreichend weit im guten Gewebe den Tumor herausschneiden, weil damit lebenswichtige Organe verletzt werden könnten. Auch solche Patienten haben wir in der Patientengruppe. In einigen Fällen, wenn der Tumor sehr groß ist, wird heutzutage auch eine neoadjuvante Therapie vor der Operation verordnet, um den Tumor zu verkleinern und dadurch die Operation zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen, wenn der Tumor wegen seiner Größe zu nahe an anderen Organen liegt.