GIST - Gastrointestinaler Stromatumor

GIST Operation - Tumor am Dünndarm

GIST - Eine seltene Tumorerkrankung

Unter allen bekannten Krebsarten gehört GIST, der gastrointestinale Stromatumor, zu den seltenen Krebserkrankungen. In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 1000 bis 1500 Menschen neu an GIST. Die Zahlenangaben in verschiedenen Quellen schwanken leicht, liegen aber immer in diesem Bereich. Die ungeliebte „Chance“ an GIST zu erkranken
liegt damit etwa 10 mal höher, als einen Millionengewinn im Lotto zu erzielen, denn im Jahr 2015 gab es 115 neue Lotto-Millionäre. Und trotzdem hoffen alle diese Lottospieler, Millionär
zu werden und ahnen dabei nicht, dass ihre Chance, an GIST zu erkranken vielfach höher ist. Und die „Chance“, eine weniger seltene Krebserkrankung zu bekommen, liegt noch
etwa 100 mal höher. Wundern Sie sich also nicht, dass Sie Ihre GIST-Erkrankung vor dem großen Lottogewinn bekommen haben.


Noch bis in die 1970er Jahre war die allgemeine Meinung unter den Krebsforschern, dass (fast) alle Krebsarten durch Viren ausgelöst werden. Damals hoffte man daher noch, eines Tages einen wirksamen Impfstoff oder eine antibakterielle Therapie entwickeln zu können und damit dem Krebs den Garaus machen zu können. Erst gegen Ende der 70er Jahre setzte sich dann auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse die wenig erfreuliche Erkenntnis durch, dass der Krebs aus körpereigenen Zellen mit veränderten Genen entstand. Man nannte diese Gene Proto-Onkogene. Das sind Gene, die bei einer Veränderung (Mutation) Krebs auslösen können, weil sie von Natur aus für das Wachstum der Zelle, deren Teilung oder den Zelltod verantwortlich sind und bei einer Veränderung eben ungebremstes Wachstum, dauernde Teilung oder ewiges Leben der Zellen bewirken können. Der Krebs lauert also in jedem Körper in diesen Proto-Onkogenen und wartet nur darauf, ausgelöst zu werden. Auslöser können Viren sein, aber auch Umwelteinflüsse wie Strahlen oder chemische Stoffe. Einer der am leichtesten zu vermeidenden Krebsauslöser für Lungenkrebs ist der Zigarettenrauch. Etwa 16% aller Krebsfälle weltweit werden durch Infektion ausgelöst. Die vier gefährlichsten
Erreger sind das humane Papillomavirus (HPV), die humanen Hepatitisviren B (HBV) und C (HCV) sowie das Magenbakterium Helicobacter pylori. Unser Immunsystem kann diese Erreger nicht wirksam bekämpfen, sie verbleiben lebenslang im Körper, und so kann es noch nach vielen Jahren oder auch Jahrzehnten zu einer Krebserkrankung kommen.


Als eine spezielle Krebsart und als eigenständige Krankheit, die auf herkömmliche Therapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie nicht wirksam anspricht, ist GIST erst seit 1998 bekannt.
Viele Patienten waren vor dieser Zeit dem GIST hilflos ausgeliefert, da alle Versuche, ihn mit herkömmlichen Therapien zu behandeln, fehlschlugen. Nicht nur als Patient war und ist es teilweise heute noch schwierig, verlässliche Informationen über diese seltene Krankheit zu beschaffen, obwohl sich die Situation in den letzten zehn Jahren schon deutlich verbessert
hat. Auch viele Ärzte, wenn sie nicht gerade Onkologen sind und sich regelmäßig weiterbilden, kennen diese Krankheit nicht, was ich aus eigener Erfahrung weiß. Das kann zu einem großen Problem werden, wenn Sie selbst die Krankheitssymptome erstmals bemerken, aber auch nicht wissen, was in Ihrem Körper los ist. Von 20 Erkrankungsfällen gehen rund 13 vom
Magen aus und 5 vom Dünndarm. Der Rest verteilt sich auf Dick- und Enddarm sowie die Speiseröhre. Deshalb ist es ganz wichtig, dem Hausarzt alle Fragen zu stellen, die Ihnen auf dem Herzen liegen und wenn Sie merken, der Arzt weicht aus oder gibt Ihnen nur unvollständige Auskunft, dann fragen Sie nach einer Zweitmeinung von einem Internisten. Die Hilfsangebote, die ich auch am Schluss des Buches aufgeführt habe, nützen einem Neuerkrankten natürlich nicht viel, solange er nicht weiß, dass er einen GIST hat. Auch die mittlerweile etablierten GIST-Zentren nützen ja nichts, solange man nicht weiß oder zumindest ahnt, dass man an GIST erkrankt sein könnte. Deshalb gehört auch heute noch etwas Glück dazu, rechtzeitig an einen Arzt zu kommen, der mit Ihren Beschwerden etwas anfangen kann und die richtige Diagnose stellt. Mir selbst war weder diese Krankheit bekannt, noch hatte ich je den Namen gehört oder gelesen, als ich selber daran erkrankte. Noch bis ins Jahr 2002 war die einzige Option die Entfernung (Resektion) des Primärtumors, wenn dieser noch nicht gestreut (metastasiert) hatte. Die vollständige Entfernung eines lokalen, noch nicht
metastasierten GIST ist auch heute noch die beste Option, aber sicherheitshalber hat man heute noch die Möglichkeit einer adjuvanten Nachbehandlung, wenn der geringste Verdacht besteht, dass doch noch Metastasen vorhanden sein könnten. Eine vorbeugende Nachbehandlung (adjuvant) mit dem Wirkstoff Imatinib gab es bis dahin nur für Teilnehmer an einer Studie. Selbst bei metastasiertem GIST gab es auch erst ab 2002 die Möglichkeit einer vorbeugenden Nachbehandlung mit Imatinib. Die Erkrankung kann den gesamten Verdauungstrakt betreffen, tritt aber gehäuft am Magen oder Darm auf, selten in der Speiseröhre. Der Erfolg der medikamentösen Behandlung mit dem Wirkstoff Imatinib hängt von der Größe des Tumors, ob dieser gestreut hat oder nicht, von der Art der Mutation
(Exon-Bestimmung, gibt an, welche Stelle in der DNA des Menschen betroffen ist) und von der Stelle im Körper ab, wo der Primärtumor sich entwickelt hat.


Bei mir hatte sich der Tumor an der Außenwand des Dünndarms gebildet und irgendwann die Darmwand durchbrochen, wodurch es im Jahr 2001 zum ersten Blutverlust über den
Stuhl kam. Aber erst bei erneutem größerem Blutverlust Mitte 2002 erkannte man die Ursache. Bei der Operation fand man einen kindskopfgroßen Tumor am Dünndarm. Genau genommen wurde der Tumor bei der Erstentdeckung noch nicht als Krebs erkannt, sondern als ein Leiomyom, einer Vorstufe eines bösartigen Krebses. Der Pathologe schrieb in seinem ersten Bericht von „entarteten Zellen“, die sich aber zu einem bösartigen Tumor entwickeln könnten. Deshalb empfahl er die regelmäßige Kontrolluntersuchung des Bauchraumes. Diese Ultraschalluntersuchungen des Bauchraumes waren ja dann lange Zeit ohne jeglichen Befund.


Dann aber, trotz der kurzen Untersuchungsintervalle von nur sechs Monaten, kam der Tumor im Sommer 2005 mit einer Längenausdehnung von mehr als 17 Zentimeter zurück. Da die
Chirurgen bei der zweiten großen Operation nicht nur den großen Tumor sahen, sondern auch, dass der Bauchraum einschließlich der Leber viele Metastasen enthielt, war die von
ihnen abgegebene Prognose aufgrund dieser Bedingungen (Größe, Lage am Dünndarm, Metastasenbildung) nicht gerade sehr erfreulich. Da die Tumorart noch unidentifiziert war,
konnten sie auch kein wirksames Gegenmittel kennen oder nennen. Erst zwei Wochen später konnte der Pathologe GIST mit Mutation im Exon 11 bestätigen. Obwohl er sich bereits 2001 durch Blutverlust über den Stuhl bemerkbar gemacht hatte, stand erst vier Jahre später fest, dass es sich um eine Krebserkrankung handelt – den sehr seltenen GIST. Im Jahr 2001 gab es noch keine offizielle Zulassung eines Medikamentes für diese Erkrankung. Diese erfolgte für Imatinib (Medikamentenname Glivec) auf Grund der guten Studienergebnisse in den USA europaweit erst am 31. Mai 2002.


Mit Exon bezeichnet man bestimmte Abschnitte in der DNA. Der Ort der betroffenen Stelle in der DNA entscheidet auch über die weitere Behandlung und das bestgeeignete Medikament
und dessen Dosierung. Liegt die Mutation zum Beispiel im Bereich Exon 11, wird die Therapie mit einer Glivecdosis von 400 mg täglich begonnen, wird eine Mutation im Bereich Exon 9 festgestellt, beginnt man meist gleich mit der hohen Dosis von 800 mg Glivec. Bei anderen Mutationen gibt es noch keine gesicherten Therapieerfolge mit der Glivec Behandlung. Von Vorteil ist eine Mutation im Bereich Exon 11, wie bei mir, im Gegensatz zu einer Mutation im Exon 9 der DNA, da man mit der kleineren Dosis von Imatinib, dem Wirkstoff von Glivec,
schon Erfolg haben kann.


Leider wird der GIST oft erst spät entdeckt, da er im Bauch keine Schmerzen verursacht und dort auch genügend Platz vorhanden ist, so dass er wachsen kann, ohne dass man ihn bemerkt. Der GIST wächst in der Regel nicht in die Organe (Magen, Darm) ein, sondern von der Außenwand des Magens oder Darmes in den freien Bauchraum. So war es ja typischerweise auch bei mir. Bei der ersten Operation war der Tumor bereits kindskopfgroß. Eigentlich unglaublich, dass man so etwas nicht irgendwie bemerkt.


In solchen Fällen wird man um eine lebenslange Therapie nicht herumkommen, da bei so später Entdeckung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereits Metastasen in der Leber und
im Bauchraum verstreut sind. Lymphknoten hingegen werden nur extrem selten befallen und daher bei einer Operation auch nicht vorsorglich entfernt, wenn es keine eindeutigen Hinweise auf einen Befall gibt. Auch Ausstreuungen in Lunge, Knochen und Gehirn sind sehr selten, können aber vorkommen. Bei einem Patienten in unserer Hamburger GIST-Patientengruppe haben sich leider Metastasen in den Knochen gebildet. Nur sehr selten wird der GIST so rechtzeitig, meist durch Zufall im Rahmen einer anderen Untersuchung, entdeckt, dass man ihn komplett mit gutem Sicherheitsabstand von den Rändern des Tumors (circa zwei bis fünf Zentimeter im gesunden umgebenden Gewebe) herausoperieren kann. Wenn dann keine Metastasen entdeckt werden, erfolgt keine weitere Therapie. Auch so einen Fall haben wir in unserer Patientengruppe. In unsicheren Fällen wird heutzutage noch eine dreijährige adjuvante (vorbeugende) Therapie mit Imatinib (zur Zeit noch Glivec®) verordnet, um eine Rezidivbildung zu vermeiden, die aus mikroskopisch kleinen Krebszellen entstehen kann, die man bei der Operation nicht sehen konnte. Auch wenn der Sicherheitsabstand
zum gesunden Gewebe nicht eingehalten werden konnte, weil dadurch lebenswichtige Organe oder Blutgefäße verletzt werden könnten, besteht die Gefahr, dass einzelne Tumorzellen im Randbereich des Operationsfeldes verblieben sind. Auch in solchen Fällen wird der Onkologe aus Sicherheitsgründen ebenfalls eine adjuvante Therapie zur Rezidivvermeidung anordnen. Wir haben auch solche Patienten bei uns in der Patientengruppe. In einigen Fällen, wenn der Tumor sehr groß ist, wird heutzutage auch eine neoadjuvante Therapie vor der Operation verordnet, um den Tumor zu verkleinern und dadurch die Operation zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen, wenn der Tumor wegen seiner Größe zu nahe an anderen Organen liegt.


Im Gegensatz zu einigen anderen Krebserkrankungen (wie zum Beispiel Lungenkrebs) kennt man bisher keine Faktoren, die das Risiko erhöhen, an GIST zu erkranken. Da GIST aber
meistens (es gibt Ausnahmen, auch bei uns in der Patientengruppe) erst im höheren Alter ab etwa 60 Jahren (Durchschnittsalter) auftritt und Männer etwas häufiger betroffen sind, als Frauen, kann man Alter und Geschlecht als ein Risikomerkmal für GIST nennen. Aber leider kann man beides kaum beeinflussen und muss daher mit diesen Risikofaktoren leben. Ich glaube auch kaum, dass ein Mann sich mit sechzig Jahren noch umbauen lässt. Und wenn der GIST erst mal ausgebrochen ist, würde auch eine Geschlechtsumwandlung daran nichts mehr ändern. Lassen wir Männer den Frauen also diesen winzigen Vorteil – sie haben es verdient. Was wären wir ohne Sie? Zusammengefasst kann man nach derzeitigem Wissenstand also behaupten, dass es keine Möglichkeiten zur Vorbeugung von GIST gibt.

 

(Auszug aus dem Buch GIST - Ein Tumor verliert seinen Schrecken, 2. Auflage ISBN 978-3-7460-7572-3)