GIST Patient und Autor Helmut B. Gohlisch

»Je mehr ich mich mit der Krebserkrankung im Allgemeinen, dem GIST im Besonderen und der menschlichen Körperzelle im Speziellen beschäftigt habe, desto mehr verstand ich meine Krankheit und umso mehr wunderte ich mich, dass ich bei dem chemischen Chaos überhaupt lebe.
Aber ich hatte mich getäuscht. Hinter dem
vermeintlichen Chaos steckt ein unheimlich
präzise arbeitendes System.«


GIST-Patient und Autor  Helmut B. Gohlisch

 

Geboren wurde ich 1948 in Müllrose bei Frankfurt / Oder und bin 1953 mit meinen Eltern und einem Bruder (4 Jahre) und einer Schwester (9 Monate) aus der DDR geflüchtet. Aufgewachsen bin ich in Hamburg und war nach meiner Lehre als Radio- und Fernsehtechniker bei der Firma Ernst Brinkmann zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Dort habe ich auch die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker Elektronik gemacht und zwei Jahre vor Ende meiner Bundeswehrzeit (1978) meine erste Frau geheiratet. Die letzten beiden Jahre als Soldat war ich in Flensburg-Weiche stationiert und wir haben auf einem schönen, aber sehr abgelegenen, Restbauernhof in Jerrisbek gewohnt. Husum, Flensburg und Schleswig waren zwanzig Kilometer entfernt und die nächste Einkaufsgelegenheit war im fünf Kilometer entfernten Eggebek. Wir haben dort den Superwinter 1978/79 miterlebt, bei dem leider auch viele Menschen erfroren sind. Einige hatte man erst wieder gefunden, als die Straßen geräumt und die Autos am Straßenrand vom Schnee befreit waren.

 

Nach der Bundeswehrzeit bin ich mit Familie nach Neumünster gezogen und habe sieben Jahre bei der Firma Rudolf Hell in Kiel im Qualitätswesen gearbeitet und dort auf GenRad- und Marconi-Testsystemen Programme geschrieben, mit denen aus der Produktion kommende Leiterplatten und Baugruppen automatisch auf Bestückungsfehler und Funktionstüchtigkeit geprüft wurden. Nach sieben Jahren kriselte es 1987 wegen rückläufiger Umsätze bei Hell, und man versuchte, durch attraktive Angebote den Personalbestand mitarbeiterfreundlich zu reduzieren. Der Personalrat und die Gewerkschaft drückten das so aus: „Wer freiwillig seinen Arbeitsplatz aufgibt, erspart einem anderen Mitarbeiter die Kündigung“. Zu dem Angebot konnte ich nicht „nein“ sagen. Wir wurden sofort von der Arbeit freigestellt und bekamen noch für weitere drei Monate das volle Gehalt. Ich bin dann übergangslos zur neugegründeten Salzgitter Elektronik AG gewechselt, einer Tochter der Salzgitter AG und der HDW (Howaldtswerke Deutsche Werft GmbH) und habe dort im Testwesen Umwelt- und Belastungsteste für Halbleiterbauteile durchgeführt, die für Weltraumeinsätze (Satelliten, Raketen) vorgesehen waren und großen Belastungen hinsichtlich Temperatur und Beschleunigung ausgesetzt werden sollten. Es musste sichergestellt werden, dass nicht durch Ausfall eines kleinen Bauteils ein Millionenprojekt versagte.

 

Als der japanische Druckerhersteller Seikosha dann 1988 an meinem Wohnort in Neumünster eine neue Fabrik eröffnen wollte, habe ich mich auf die Stelle als Leiter des Qualitätswesens beworben und diese Stelle dann im Herbst auch angetreten. Der Aufbau der Fertigungsstätte, die Anwerbung und Ausbildung von Personal und die vielfältigen Arbeiten im Qualitätswesen haben mir viel Spaß gemacht. Auch die Zusammenarbeit mit den japanischen Kollegen in der Administration und Technik war sehr angenehm, obwohl es kaum einen pünktlichen Feierabend gab. Hinzu kamen viele interessante Besuche bei den verschiedensten Zulieferfirmen in Schleswig-Holstein, Deutschland und dem europäischen Ausland. Die Krönung war dann ein zweiwöchiger sehr beeindruckender und interessanter Besuch in Japan. Kurz vor dem Fall der Mauer zwischen beiden Teilen Deutschlands hatten wir dann noch Kontakt zur Firma Robotron in Sömmerda in Thüringen aufgenommen und einen kleinen Teil der dortigen Mannschaft in die Montage einiger unserer Druckermodelle eingewiesen. Leider hielt diese Zusammenarbeit nur ein knappes Jahr, bis Robotron im Herbst 1990 von der Treuhandanstalt abgewickelt (aufgelöst) wurde.

 

Im Sommer 1995 wurde die Produktionsstätte Seikosha´s geschlossen und nach Polen verlegt, da in Deutschland kein gewinnbringendes Produzieren der immer billiger werdenden Computerdrucker mehr möglich war. Ein Grund war auch der Wegfall der Anti-Dumping-Zölle auf aus dem Ausland importierte Drucker, sodass es keinen wirtschaftlichen Vorteil mehr hatte, innerhalb Deutschlands zu produzieren. Ich wurde arbeitslos und meldete ein Gewerbe als „IT-Service – Computer & Zubehör“ an, um die Zeit zu überbrücken, bis ich eine neue Arbeitsstelle finde. Auf dem Arbeitsamt sagte man mir nur, dass man erst die „Jüngeren“ in Arbeit bringen müsse. Ich sei ja schließlich schon fast fünfzig Jahre alt. Genaugenommen war ich erst 47 Jahre und sollte tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr unterzubringen sein?

 

Meine erste Frau war zu dieser Zeit beim DRK Neumünster Kreisbereitschaftsführerin und ehrenamtlich auch in der Alten- und Krankenpflege tätig. Sie ist zwei Jahre später, im Sommer 1997, an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben. Ich fand dann für ein halbes Jahr noch eine befristete Anstellung als Programmierer in einer Werkzeugmaschinenfabrik bei Neumünster. Erst im Frühjahr 1999 bekam ich dann auf eine meiner vielen Bewerbungen wieder eine positive Antwort und wurde dann in Süddeutschland bei den Volksbanken und Sparkassen eingesetzt um die Systeme auf die Jahr-2000-Umstellung vorzubereiten. Ende 1999 verlegte ich dann meinen Wohnort nach Hamburg und zog zu Marlies, die ich 1969 in der Rendsburger Eiderkaserne kennengelernt hatte. Ich arbeitete aber weiterhin in Süddeutschland und war nur am Wochenende in Hamburg. Nachdem der Jahr-2000-Wechsel ohne größere Probleme an den Computersystemen überstanden war, kam die nächste Arbeit durch die Umstellung unserer Währung von D-Mark auf Euro auf mich zu. Wieder wurde ich zur Umstellung der Geldautomaten in halb Deutschland eingesetzt, war die ganze Woche im Auto unterwegs und habe an den meisten Tagen sogar zweimal getankt.

 

Die Wochenendehe mit Marlies dauerte dann noch bis zum Herbst 2004. Als die Umsätze der Firma dann rückläufig waren, wurde mir gekündigt, da ich einer der letzten Angestellten war, die eingestellt worden waren. Ich habe mich dann wieder selbstständig gemacht und kleine Gewerbebetriebe und Privatpersonen im EDV-Bereich betreut. Auch mein ehemaliger Arbeitgeber war jetzt ein guter Auftraggeber, da er hier im Norden keine eigenen Mitarbeiter hatte.

 

Leider kam dann im Sommer 2005 der GIST (gastrointestinaler Stromatumor) zurück, der sich schon im Sommer 2001 und noch mal im Sommer 2002 angekündigt hatte.

 

Meine Erfahrungen mit den Operationen, der Therapie und den Nebenwirkungen der Medikamente habe ich in einer Biografie und einem GIST-Buch aufgeschrieben. Ich möchte damit allen GIST-Betroffenen Mut machen, denn heutzutage kann man den GIST recht lange überleben - anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.